Seit sechs Stunden läuft ein Technofestival. Bass, der im Brustkorb sitzt. Stroboskoplicht. Tausend Menschen, tanzende Massen. Woanders sinkt jemand in einen Sitzsack unter offenem Himmel zwischen echten Pflanzen, schliesst die Augen und atmet zum ersten Mal an diesem Abend tief und bewusst ein und wieder aus.
Zwischen diesen beiden Orten und Zuständen liegen keine zwanzig Meter Weg, nur ein bewusst gestaltetes Raumkonzept.
Ich habe diesen Ort geplant. Er hiess «Between Beats» und diente als Rückzugsbereich für Besucher mitten auf einem Festivalgelände, mit separatem Raum für Breathwork und Meditation. Dieser Artikel erklärt, was auf diesen zwanzig Metern passiert, warum es funktioniert und wie man es plant. Denn genau das ist Spatial Experience Design.
Spatial Experience Design gestaltet nicht (nur), wie ein Raum aussieht, sondern in welchen Zustand er einen Menschen versetzt.
Auch in der klassischen Innenarchitektur gestalte ich Räume so, dass sie Wohlbefinden und das eigene Leben unterstützen. Spatial Experience Design besticht jedoch durch eine andere Intensität der Wirkung. Der Mensch soll spürbar erleben, ein Eindruck, der in Erinnerung bleibt.
Im Zentrum dabei steht die Frage: Was soll er spüren? Was soll bleiben, wenn er nach zwanzig Minuten wieder geht? Die Antwort auf diese Frage bildet die Basis jedes Projekts.
Zwei Abgrenzungen sind mir wichtig.
Es ist keine Eventausstattung. Wer Pflanzen aufstellt, Kerzen anzündet und einen Duftspender in die Ecke hängt, hat Requisiten platziert, kein Erlebnis gestaltet. Der Unterschied liegt darin, ob die Elemente aufeinander abgestimmt sind und ob sie eine Abfolge bilden.
Es ist aber auch mehr als gute Innenarchitektur. Die Grundlagen bleiben dieselben: Grundriss, Licht, Akustik, Material, Konstruktion. Wer die nicht beherrscht, kann kein Erlebnis bauen. Spatial Experience Design setzt darauf auf und ergänzt eine Ebene, die in der klassischen Planung selten explizit gemacht wird: die zeitliche und emotionale Dramaturgie eines Aufenthalts.
Warum ich Räume grundsätzlich von den Bedürfnissen her denke und nicht von der Funktion, habe ich in Design mit Intention beschrieben.
Bei lisannco ist Spatial Experience Design deshalb ein eigenes Feld neben Residential Design und Office Design. Es kommt dort zum Einsatz, wo das Erleben nicht Nebenprodukt ist, sondern der eigentliche Zweck: in Longevity Clinics, Spas, Retreat Centern, Praxen, Erlebnisgastronomie und bei Events.
Wenn ich sage, ein Raum verändert den Zustand eines Menschen, meine ich das körperlich und nicht einfach nur metaphorisch.
Unser Nervensystem bewertet die Umgebung permanent und grösstenteils unbewusst. Es prüft auf Sicherheit, Orientierung, Reizmenge. Und es reagiert darauf, ob wir das wollen oder nicht.
Wie stark diese Reaktion sein kann, zeigt die Lärmforschung besonders deutlich.
In einem randomisierten Cross-over-Experiment mit 75 gesunden Erwachsenen führte simulierter Nachtfluglärm zu einem messbaren Anstieg von Adrenalin im Blut (Schmidt et al., 2013). Die Probanden schliefen schlechter und ihre Blutgefässe reagierten anders.
Umgekehrt gilt aber auch dasselbe. In einer randomisierten kontrollierten Studie mit 90 Patientinnen und Patienten nach einer Operation hatten jene in Zimmern mit Pflanzen einen niedrigeren systolischen Blutdruck, weniger Schmerzen, weniger Angst und einen kürzeren Spitalaufenthalt als die Kontrollgruppe (Park & Mattson, 2009).
Anmerkung: Ich möchte an dieser Stelle hinzufügen, dass die Studienlage (noch) dünn ist. Es muss noch viel geforscht werden, aber ich bin von der Wirksamkeit der gebauten Welt auf den Menschen überzeugt.
Das entwertet die bestehende Forschung nicht. Es heisst nur: Wir haben belastbare Hinweise auf Wirkrichtungen, keine Rezeptbücher.
Mehr zum wissenschaftlichen Fundament habe ich in meinem Beitrag zu Biophilic, Neuroaesthetic und Salutogenic Design zusammengetragen. Einen Überblick darüber, welche Faktoren im Raum auf unser Wohlbefinden wirken, findest du ausserdem hier.
Ein Erlebnisraum entsteht nicht durch ein einzelnes starkes Element, sondern durch das Zusammenspiel von vielen verschiedenen Komponenten. Sechs Kanäle zur Wahrnehmung stehen zur Verfügung. Ich gehe sie einzeln durch und zeige jeweils an «Between Beats», wie die Entscheidung im Konzept konkret aussah.
Licht ist der wohl bekannteste Hebel und der am häufigsten falsch eingesetzte.
Physiologisch ist die Sache gut belegt. In einer Studie mit 116 gesunden Erwachsenen verzögerte gewöhnliches Raumlicht unter 200 Lux vor dem Zubettgehen den Melatoninbeginn bei 99 Prozent der Personen und verkürzte die Melatoninphase um rund 90 Minuten (Gooley et al., 2011). Verantwortlich ist vor allem der kurzwellige (blaue) Anteil (Brainard et al., 2001).
Für die Praxis heisst das: Lichtintensität und Zusammensetzung steuern Ruhe und Aktivität.
Ebenso wichtig ist, woher das Licht kommt. Kommt es von oben, von unten, von der Seite? Je nachdem, wie sich der Mensch im Raum bewegt, hat dies Einfluss auf Blendung, auf Lichtintensität und auf die Orientierung.
Wie Licht unseren Biorhythmus steuert und was das für die Planung zu Hause bedeutet, habe ich in Lichtplanung: Licht für Fokus, Ruhe und Schlaf ausführlich beschrieben.
Im Konzept von «Between Beats» stand deshalb keine einzige Leuchte über Kopfhöhe. Das Licht kam aus Laternen am Boden, warm und punktuell verteilt. Das erzeugt zwei Dinge gleichzeitig: eine niedrige Gesamthelligkeit, die das Nervensystem als Abend liest, und viele kleine Lichtinseln, die dem Auge Halt geben, ohne es zu beanspruchen. Der stärkste Lichtreiz im Raum war bewusst kein Licht zum Sehen, sondern ein Bild: eine Projektion von wehenden Blättern im Wind, auf die weisse Wand des zentralen Kubus. Ein Lichtspiel, das als Ankerpunkt im Hier und Jetzt dient.
Akustik ist der Faktor, der über Entspannung entscheidet, und an dem oft gespart wird.
In einem kontrollierten Laborexperiment mit 47 Personen führten bereits 51 dB(A) im Vergleich zu 39 dB(A) über zwei Stunden zu schlechterer Gedächtnisleistung, mehr Fehlern, höherer Müdigkeit und geringerer Motivation (Jahncke et al., 2011).
Klar, ein Festival liegt da um ein Vielfaches darüber. Und die ehrliche Antwort ist, dass es keine Akustikmassnahme gibt, die den Bassteppich auf einem Festivalgelände stoppen kann.
Die akustischen Grundregeln, die in jedem Raum gelten, habe ich im Leitfaden für moderne Arbeitswelten zusammengefasst.
Die Konsequenz war, das Ziel zu ändern. Nicht Stille herstellen, sondern den Höreindruck verändern. Teppichboden auf den Umgangsflächen, Wände innen mit Holzlamellen und beigem Stoff bespannt, dichte Bepflanzung im Zentrum: All das nimmt die harten Reflexionen aus dem Mittel- und Hochtonbereich. Was bleibt, ist ein dumpferes, weiter entferntes Geräusch. Der Bass ist noch da, aber er klingt nicht mehr nach «hier», sondern nach «draussen». Das reicht, damit das Nervensystem den Unterschied registriert.
Gerade für Erlebnisräume kann aber auch gewollter Sound ausschlaggebend sein, um eine Wirkung zu erzielen. Naturgeräusche, leise Klänge, Trommeln, Musik, Gesang: Wir reagieren auf all das körperlich, und zwar schneller und stärker, als uns bewusst ist.
Wie weit die Wirkung reicht, zeigt der medizinische Bereich. Eine Auswertung von 81 randomisierten Studien mit über 7000 operierten Menschen fand, dass Musik vor und während eines Eingriffs Angst und Schmerz verringert. Auch dann, wenn sie während der Narkose lief (Kühlmann et al., 2018).
Naturgeräusche senken messbar Puls, Blutdruck und Atemtempo. (Fan & Baharum, 2024).
Was hingegen nicht stimmt, obwohl man es oft liest: Der Herzschlag passt sich nicht dem Takt der Musik an. Musik verändert das Erregungsniveau, mehr nicht.
Für die Praxis heisst das: Sound ist ein Gestaltungsmittel wie Licht, kein Hintergrund. Er braucht eine Dramaturgie mit lauteren und leiseren Passagen, er braucht Stille als Gegengewicht.
Wusstest du, dass wir Duft fast genauso schnell wahrnehmen wie das Auge Farben? Binnen einer halben Sekunde weisst du, ob du einen Ort gut riechen kannst oder nicht.
Doch wie wirkt Duft auf uns auf physiologischer Ebene?
Die experimentellen Befunde sind interessant, aber klein. In einem Cross-over-Versuch mit 13 jungen Frauen senkte die Inhalation von Alpha-Pinen, einem Hauptbestandteil von Nadelholzduft, die Herzfrequenz leicht (Ikei et al., 2016). In einer Studie mit 23 Personen senkte Cedrol, ein Zedernholzbestandteil, Herzfrequenz, systolischen und diastolischen Blutdruck sowie die Atemfrequenz signifikant (Dayawansa et al., 2003).
Beides sind Akuteffekte über Minuten, gemessen an sehr kleinen und homogenen Gruppen. Ich halte sie für einen brauchbaren Hinweis auf die Wirkrichtung.
Praktisch entscheidend ist ohnehin etwas anderes: die Dosis. Zu intensiv kann Duft die Schleimhäute reizen und zu Kopfschmerzen führen.
Im Konzept von Between Beats wurde eine Beduftungsanlage für den zentralen, offenen Bereich eingeplant. Walddüfte sollten hier unter freiem Himmel abgegeben werden, um bewusst nur einen Hauch des Dufts zu halten.
Ein Duft, der schlechte Luft überdecken soll, funktioniert übrigens nie. Er addiert nur einen Reiz zu einem Problem und macht es schlimmer.
Der Tastsinn ist der ehrlichste. Er lässt sich nicht mit Optik überlisten.
Deshalb spielt Materialehrlichkeit hier eine grössere Rolle als anderswo. Ein Fliesenboden in Holzoptik verrät sich barfuss sofort, weil Holz sich wärmer anfühlt und anders klingt. Das Gefühl, das ein unehrliches Material hinterlässt, sobald man es als solches enttarnt, ist ein fahler Nachgeschmack. Und dieses Erlebnis wollen wir nun wirklich nicht erzeugen.
Warum ein Imitat die Augen täuschen kann, die übrigen Sinne aber nicht, habe ich in Holzimitat im Wohnungsbau ausgeführt.
Bei «Between Beats» war die Haptik die zweitwichtigste Entscheidung nach dem Licht. Teppichboden in Erdtönen entlang der Wände, Holzlamellen und Stoff als Wandbekleidung, Sitzsäcke. Der Ort sollte Weichheit ausstrahlen und seine Besucher einbetten.
Ein Sitzsack tut etwas, das ein Stuhl nicht kann: Man sinkt ein, die Sitzfläche passt sich an, der Körper wird von mehr Fläche getragen.
Ob dieses Gefühl, gehalten zu werden, physiologisch messbar beruhigt, ist ehrlicherweise offen. Es gibt Hinweise aus verwandten Bereichen: Gewichtsdecken verbesserten in mehreren randomisierten Studien Schlafqualität und Angstwerte. Der Effekt war allerdings deutlich kleiner, als die Werbung für solche Decken verspricht (Zhao et al., 2024).
Die Übertragung von Gewichtsdecken auf Sitzmöbel ist eine Designannahme, kein Befund. Ich halte sie für plausibel und benenne sie als das, was sie ist.
Das positive, psychologische Gefühl können wahrscheinlich jedoch viele direkt nachvollziehen. Das sich einmummeln, das «gehalten» werden, vermittelt Geborgenheit.
Wie sich jemand durch einen Raum bewegt, entscheidet mit darüber, wie er ihn erlebt.
Die Prospect-Refuge-Theorie, also die Idee, dass Menschen gleichzeitig Überblick und geschützten Rücken suchen, ist in einer Metaanalyse von 34 quantitativen Studien nur teilweise bestätigt worden. Das Bedürfnis nach Überblick ist gut belegt. Das nach geschütztem Rücken deutlich schlechter, die Befunde widersprechen sich dort (Dosen & Ostwald, 2016). Eine fMRT-Studie fand sogar, dass geschlossene Räume häufiger zu Fluchtentscheidungen führten und Areale aktivierten, die mit Vermeidungsverhalten verbunden sind (Vartanian et al., 2015).
Das ist für die Praxis wichtiger, als es klingt. Geschlossenheit beruhigt also nicht automatisch. Sie beruhigt nur dann, wenn sie freiwillig gewählt wird. Für die Gestaltung von Erlebnisräumen bedeutet dies ein sorgfältiges Abwägen, wie geschlossen Räume sein dürfen und wie sich das Gefühl der Sicherheit jederzeit gewährleisten lässt.
Genau darum war «Between Beats» so geplant, dass er Rückzug bot, durch einzelne Wände und beruhigte Sichtachsen, dank der sorgfältig gruppierten Pflanzen, ohne jedoch zu bedrängen oder Auswege zu versperren. Auch der Blick in den freien Himmel unterstützte das Sicherheitsempfinden. Der komplette Rückzug in den geschlossenen, zentralen Kubus blieb optional. Wer hineinging, entschied sich aktiv dafür, durch einen Vorhang zu treten und sich für ein paar Minuten abzuschotten.
Kontrolle über die eigene Situation ist selbst ein beruhigender Faktor, und Raumgestaltung kann sie geben oder nehmen. Welche Arten von Rückzug es gibt und wofür sie jeweils gebraucht werden, habe ich in Rückzugszonen: die stillen Kraftwerke moderner Arbeitswelten beschrieben.
Der sechste Kanal ist der, den Grundrisse nicht zeigen können. Ein Raum wird nicht als Bild erlebt, sondern als Abfolge von Momenten.
Das ist der eigentliche Unterschied zwischen einem schönen Raum und einem Erlebnis. Ein Erlebnis hat einen Anfang, einen Verlauf und ein Ende. Und es wird nicht als Summe erinnert, sondern nach anderen Regeln, auf die ich im nächsten Kapitel komme.
Im Konzept von «Between Beats» war die sichtbare Aussenhülle schwarz. Geschlossen, ohne Einblicke, nur der Schriftzug darauf. Vom Hauptplatz aus sah man nicht, was drinnen passierte.
Das war eine Entscheidung, die überhaupt nichts mit Ästhetik zu tun hatte. Es ging um Abgrenzung. Eine geschlossene Hülle erzeugt eine echte Schwelle. Durch ein Tor zu gehen und nicht zu wissen, was kommt, dann Pflanzen, warmes Licht und weichen Boden vorzufinden: Dieser Kontrast leistet die Arbeit. Dieser Moment ist der wertvollste des gesamten Erlebnisses, der sogenannte «moment of awe».
Übergänge brauchen deshalb Platz und Zeit. Ein Spa, dessen Schwelle den Besucher mit administrativer Rezeption empfängt, verschenkt seinen wirksamsten Moment. Eine Praxis, in der man von der Strasse direkt im Wartezimmer steht, auch.
Choreographie gehört zum Erfolgsrezept von Spatial Experience Design.
Hier liegt die vielleicht praktischste Erkenntnis für alle, die Erlebnisorte betreiben.
Menschen erinnern eine Erfahrung nicht als Durchschnitt und nicht in ihrer Dauer, sondern im Wesentlichen über zwei Punkte: den intensivsten Moment und das Ende. In einer Feldstudie mit 287 Patientinnen und Patienten korrelierte die erinnerte Gesamtbelastung stark mit der Spitzenintensität und mit den letzten drei Minuten, praktisch aber nicht mit der Dauer (Redelmeier & Kahneman, 1996).
Das heisst, ein Erlebnisraum braucht einen Höhepunkt, einen Moment, der klar heraussticht. Bei «Between Beats» war das für mich ganz klar der Blick beim Betreten, durch das Pflanzenmeer auf den beleuchteten Kubus mit dem bewegten Blattschatten.
Ausserdem verdient das Ende, sofern möglich, dieselbe Sorgfalt. Es wird in vielen Projekten stiefmütterlich behandelt, obwohl es überproportional darüber entscheidet, wie ein Ort in Erinnerung bleibt und ob jemand wiederkommt.
Bei «Between Beats» war dies ein Punkt, der sich ehrlich gesagt wenig steuern liess, da Brandschutz- und Sicherheitsvorschriften Ein- und Ausgänge massgeblich beeinflussten und jeder Besucher kommen und gehen konnte wie er mochte. Bei orchestrierten Events mit zeitlicher Abfolge lässt sich dies jedoch sehr gut planen und sollte unbedingt Anwendung finden.
Ein Raum kann einen Zustand ermöglichen. Ob jemand ihn erreicht, hängt aber auch davon ab, was derjenige im Raum tut.
Ein Erlebnisraum wird stärker, wenn er nicht nur eine Atmosphäre anbietet, sondern eine Handlung.
Im zentralen Kubus von «Between Beats» waren Yogamatten und Noise-Cancelling-Kopfhörer vorgesehen und forderten die Besucher aktiv dazu auf, Mindfulness zu praktizieren: etwa Yoga, Meditation und Breathwork.
Breathwork, also bewusste Atmung, ist einer der wirksamsten und am wenigsten aufwändigen Hebel, um das Nervensystem zu beruhigen.
In einer Studie mit 112 Teilnehmenden beruhigte langsames Atmen mit sechs Atemzügen pro Minute das Nervensystem messbar. Die Teilnehmenden fühlten sich ausgeglichener und hatten stärker das Gefühl, die Situation im Griff zu haben (Laborde et al., 2022).
Spatial Experience Design darf und soll auch zum Handeln bewegen, da dies massgeblich an der Qualität der Erfahrung beteiligt ist. Wie Räume Verhalten und Gewohnheiten formen, habe ich hier vertieft.
Das Prinzip bleibt gleich, die Prioritäten verschieben sich.
Kliniken und Praxen. Hier ist die grösste Hürde nicht Gestaltung, sondern Angst und Unbehagen. Menschen kommen mit Anspannung, oft mit einer schlechten Erinnerung an Arztpraxen und Krankenhäuser. Die wichtigsten Hebel sind Privatsphäre, Autonomie und Kontrolle: Wer sieht wen, was kann ich steuern, wie viel Kontrolle habe ich über meine eigene Situation.
Spas und Wellness. Der häufigste Fehler ist, dass die Ruhe erst im Ruheraum beginnt. Der Weg von der Garderobe dorthin ist meist rein funktional, obwohl er bereits Teil des Erlebnisses ist und den Aufbau zur Schwelle markieren sollte. Ein zweiter Fehler ist Akustik: harte Oberflächen wegen der Feuchtigkeit, dazu viel Technik, die ein Hintergrundrauschen erzeugt. Das ist kein schönes Erlebnis.
Wie sich ein Nassraum vom Funktionsraum zum Ort der Selbstfürsorge entwickeln kann, habe ich in Badgestaltung neu gedacht beschrieben.
Retreat Center. Hier zählt die Abfolge über Tage, nicht über Minuten. Räume für Rückzug und Räume für Gemeinschaft müssen beide vorhanden und klar unterscheidbar sein. Und es braucht Orte, an denen man allein sein kann, ohne sich in sein Zimmer zurückziehen zu müssen.
Events und Erlebnisgastronomie. Der Extremfall, und deshalb lehrreich. Die Umgebung ist laut, unkontrollierbar und temporär. Alles muss in kurzer Zeit wirken, streng getaktet. Eine Königsdisziplin.
Healing Architecture beschreibt Gestaltung, die aktiv zur Genesung und Regeneration beiträgt, statt sie nur nicht zu behindern. Der Begriff stammt aus dem Gesundheitsbau und hat dort seine stärkste Evidenzbasis.
Die theoretische Grundlage liefert die Salutogenese von Aaron Antonovsky mit der Frage, was Menschen gesund hält statt was sie krank macht. Der Architekt Alan Dilani hat dieses Modell auf gebaute Umwelt übertragen. Räumlich übersetzt heisst das: verständliche Strukturen, in denen man sich zurechtfindet, Kontrolle über Licht, Temperatur und Rückzug, und Orte, die einem Aufenthalt Sinn geben.
Was der Begriff nicht hergibt: eine Heilwirkung des Raums selbst. Räume behandeln nichts. Sie können Bedingungen schaffen, unter denen Erholung wahrscheinlicher wird, und Bedingungen beseitigen, die sie verhindern. Das ist viel, aber es ist etwas anderes. Wer mehr verspricht, bewegt sich weg von der Evidenz und schadet dem Feld.
Ein sensorisches Konzept steht und fällt mit den letzten zwanzig Prozent.
Bei fast allen Entscheidungen, die ich oben beschrieben habe, liegt die Wirkung im Detail: Ob die Laternen tatsächlich am Boden stehen oder komplett aus dem Konzept verschwinden, hat Einfluss. Ob die Aussenhülle blickdicht ist oder nicht, bestimmt den Moment des Ankommens. Ob die Projektion funktioniert oder nicht, entscheidet über den «moment of awe».
Jedes dieser Elemente wirkt in der Ausführungsphase wie eine Einzelheit. In Summe entscheiden sie darüber, ob der Ort wirkt oder ob er nur nach dem Konzept aussieht. Ein sensorisches Konzept ist empfindlich gegen Abweichungen, weil seine Wirkung auf dem Zusammenspiel der einzelnen Elemente beruht. Fallen drei davon weg, bleibt kein abgeschwächtes Erlebnis, sondern gar keins.
Deshalb gehört die Begleitung der Umsetzung für mich zum Leistungsumfang und nicht in die Kategorie «nice to have».
Spatial Experience Design ist eine Investition, und Investitionen sollte man begründen können.
Letzten Endes sind doch Erlebnisse, und die Erinnerungen daran, die ein jedes Leben lebenswert machen und das spürt man:
Gäste verweilen länger.
Besucher kommen wieder.
Kunden empfehlen das Erlebnis ihren Freunden und Bekannten.
Die Rezensionen zaubern ein Lächeln ins Gesicht.
Das ist der Mehrwert für gute Erlebnisgestaltung.
Zwischen dem Bass draussen und dem bewussten Atemzug drinnen lagen bei Between Beats etwa zwanzig Meter und eine geschlossene schwarze Hülle, ein Tor, weicher Boden, warmes Licht, viele Pflanzen, ein kaum wahrnehmbarer Waldduft und ein bewegtes Blattschattenbild.
Kein einzelnes dieser Elemente erschafft die Wirkung alleine. Zusammen und in dieser Reihenfolge ergeben sie einen Ort, an dem das Nervensystem umschaltet.
Das ist Spatial Experience Design: nicht einfach ein schöner Raum, sondern eine Choreographie von Reizen, die einen Menschen an einen anderen Punkt bringt als den, an dem er hereinkam.
Wenn du einen Ort betreibst oder planst, bei dem das Erleben das eigentliche Produkt ist, schauen wir gemeinsam an, was in deinen Räumen möglich ist.
Innenarchitektur plant Räume nach Funktion, Konstruktion und Gestaltung. Spatial Experience Design setzt darauf auf und ergänzt eine Ebene: die bewusste Steuerung dessen, was ein Raum mit einem Menschen macht, über alle Sinne und über den zeitlichen Verlauf eines Aufenthalts. Innenarchitektur ist das Fundament, die Choreographie über die Zeitachse macht sie zum Erlebnis.
Es hängt weniger an der Fläche als daran, wie wichtig das Erleben für dein Angebot ist. Ein einzelner Behandlungsraum, in dem Menschen zur Ruhe kommen sollen, kann ein sinnvolles Projekt sein.
Teilweise. Licht, Akustik, Materialien, Bepflanzung und Duft lassen sich fast immer verbessern. Was sich schwerer nachrüsten lässt, ist die Dramaturgie, also die Abfolge der Räume und der Ankommensmoment. Deshalb lohnt es sich, früh zu planen.
Ja, und temporäre Projekte sind ein guter Test. Sie zwingen dazu, mit weniger Mitteln zu arbeiten und schnell zu wirken. Between Beats war genau so ein Projekt.